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Vergangenheit sichtbar machen

Besuch der ehemaligen Synagoge in Schlüchtern

Am 21. und 28. Oktober standen für uns, die Q3-Geschichtskurse von Frau Fischer und Herrn Dr. Bohnert, die etwas andere Geschichtsstunden an. Das begann schon mit dem Treffpunkt, der nicht wie üblich der Kursraum im Kloster war, sondern die ehemalige Schlüchterner Synagoge in der Grabenstraße, nur einen kurzen Fußmarsch entfernt. Dort wurden wir von Herrn Dr. Büttner, dem Ersten Vorsitzenden des Vereins der Freunde der Synagoge, freundlich empfangen. Im Inneren der Synagoge, die sich derzeit noch im Umbau befindet, war für uns ein Stuhlkreis aufgebaut. In dieser besonderen Atmosphäre berichtete uns Herr Dr. Büttner von der wechselhaften Geschichte der jüdischen Gemeinde Schlüchterns und der Synagoge selbst.

Seit dem späten Mittelalter gab es in Schlüchtern eine lange Tradition jüdischen Lebens. 1898 wurde die Synagoge erbaut und war bis 1938 religiöser Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde. Damals lebten 376 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Schlüchtern, also etwa 14 Prozent der Bevölkerung – ein Anteil, der im Deutschen Reich zu den höchsten gehörte. Das zeigt, wie offen die Stadt einst für jüdisches Leben war.

Die Architektur der Synagoge beeindruckte uns besonders: roter Sandstein, Rundbogenfenster, kleine Türmchen und sogar Elemente orientalischen Stils. Doch mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 endete diese Blütezeit abrupt.

Die Synagoge wurde verwüstet, die Gemeinde ausgelöscht. Danach folgten Jahrzehnte der Zweckentfremdung – als Lager, Fabrikhalle oder Kino – ohne Rücksicht auf den baulichen Zustand.

Am interessantesten fand ich, dass die eigentliche Zerstörung der Synagoge nicht nur in der Reichspogromnacht durch die Nationalsozialisten geschah, sondern sich auch in den Jahrzehnten danach fortsetzte, als das Gebäude zweckentfremdet genutzt wurde. Diese Erkenntnis hat mich besonders nachdenklich gemacht, weil sie zeigt, dass auch Gleichgültigkeit und mangelnde Wertschätzung zur Zerstörung von Geschichte beitragen können.

„Besinnen, Bewahren und Beleben“

Heute zählt die Synagoge zu den markantesten Gebäuden im Main-Kinzig-Kreis. Zwar existiert keine jüdische Gemeinde mehr, doch die Stadt Schlüchtern und der 2021 gegründete Verein Freunde der Synagoge Schlüchtern e.V. setzen sich dafür ein, das Ensemble zu sanieren und kulturell zu beleben. Ihr Motto lautet treffend: „Besinnen, Bewahren und Beleben“ – also sich der Vergangenheit bewusst zu werden, das Erbe zu erhalten und dem Ort neues Leben zu geben.

Vorstellung der geplanten Renovierungsarbeiten

Ein weiterer spannender Teil des Besuchs war die Vorstellung der geplanten Renovierungsarbeiten. Dr. Büttner zeigte uns Baupläne und erklärte, wie die Synagoge in den kommenden Jahren behutsam restauriert werden soll. Ziel ist es, sie nicht nur als Baudenkmal zu bewahren, sondern auch zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs zu machen.

So sollen dort in Zukunft Veranstaltungen, Vorträge und Bildungsangebote stattfinden sowie ein interaktives Museum entstehen, das das jüdische Leben, die Geschichte und den interreligiösen Dialog fördert.

Erinnerung und Engagement können etwas bewirken

Mich hat dieser Besuch tief beeindruckt. Ich habe verstanden, dass Geschichte nicht nur in Büchern stattfindet, sondern direkt vor unserer Haustür. Die Synagoge erinnert uns daran, was verloren wurde – und zeigt gleichzeitig, dass Erinnerung und Engagement etwas bewirkenm können. In einer Zeit, in der Antisemitismus und Rassismus wieder zunehmen, ist es wichtiger denn je, Zeichen für Toleranz und Menschlichkeit zu setzen.

Fotos: Charlize Weber, Schülerin der Q3 und Janica Wittke, LiV
Text: Maxime Jaro Vogler, Schüler der Q3